Muss man bei dem Wetter radeln?
Ja, und hier ist warum
Radfahren im Winter in Berlin. Es ist sieben Uhr morgens. Minus sieben Grad. Gefühlte Temperatur: minus elf. Berlin ist still, als hätte jemand die Lautstärke runtergedreht. Heute Morgen kommen mir kaum Jogger oder andere Radfahrerinnen entgegen.
Die Wiese links und rechts vor mir glitzert vom Eis. Nur das Knirschen meiner Reifen im Schneematsch ist zu hören. Die Kälte schlägt mir ins Gesicht. Glücklich, wach und erfrischt komme ich auf der Arbeit an.
Und dann kommt er, der Klassiker. Kaum angekommen sagt die Kollegin: „Muss man bei dem Wetter radeln?“
Ich atme tief ein und überlege kurz. Soll ich erklären, dass ich keine Lust habe, mit dem Auto im Stau zu stehen? Dass ich die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin hasse und meide, so gut ich kann? Dass ich Radfahren im Winter einfach liebe, weil die Kälte mich munter macht und ich mich lebendig fühle, selbst wenn meine Oberschenkel durchfrieren?
Nein. Ich lächle nur und sage: „Ja, muss man“, und hier ist, warum.

Weil ich mir nicht vorschreiben lasse, wie ich mich in der Stadt fortbewege.
Berlin wirbt nur allzu gern mit Slogans wie „Grüne Stadt“ oder „fahrradfreundliche Metropole“. Aber die Realität, die ich tagtäglich beim Radfahren im Winter in Berlin erlebe, sieht anders aus. Die Radwege in Berlin? Ein einziges Experimentierfeld für Kreativität. Mal sind sie zugeparkt, Mal nicht existent, Mal voller Müll und Scherben, und im Winter? Dann werden sie zum Abfallprodukt der Straßenreinigung.
Der Schnee, der von der Fahrbahn geschoben wird, landet nämlich nicht etwa in einem magischen Versteck des Berliner Winterdienstes. Sondern auf dem Radweg. Als würde die Stadt sagen: „Radfahrer, kümmert euch selbst darum.“

Radfahren im Winter in Berlin ist kein Vergnügen. Es ist vielmehr ein Akt der Selbstbehauptung und eine kleine Rebellion. Und ja, ich könnte mich jetzt aufregen. Ich könnte noch mehr Nachrichten an das Bezirksamt schicken oder wütende Stories posten.
Aber ich finde es fast schon komisch. Diese Stadt gibt Millionen für Werbekampagnen aus, die uns erzählen, wie klimafreundlich die Hauptstadt ist. Und dann, wenn es soweit ist, wird uns gezeigt, dass die Stadt ihre eigenen Pläne ignoriert.
Gefrorene Oberleitungen, BVG-Streik, Fußwege vereist, Radwege vereist und nicht mehr erkennbar. Soll ich mir jetzt aber wirklich von Berlin vorschreiben lassen, wie ich leben soll?
Ich will nicht in einem Auto sitzen und im Stau stehen. Ich will nicht in überfüllten U-Bahnen schwitzen wie in der Sauna.
Ich will raus. Ich will mich bewegen. Ich will vor allem selbstbestimmt unterwegs sein und nicht so, wie es mir jemand anderes vorgibt.

Radfahren im Winter in Berlin:
Unbequeme Freiheit
Fast täglich gibt es sie für mich. Diese Momente, die alles wert sind. Wenn ich morgens durch den Park fahre und die Bäume unter einer dünnen Eisschicht glitzern. Wenn ich die kalte Luft einatme, während die Stadt schläft. Der faszinierende Sonnenaufgang, der sich langsam anbahnt. Radfahren im Winter in Berlin kann magisch sein, muss es aber nicht.
Ja, Radfahren bei Schnee und Eis ist kalt und ungemütlich. Ja, es ist anstrengend. Ja, manchmal fluche ich, wenn ich wieder mal über eine gefrorene Pfütze rutsche und hoffe, nicht zu stürzen. Aber weißt du was? Es ist auch verdammt befreiend. Ich bin nicht abhängig von Fahrplänen oder Staus. Ich bin nicht gefangen in einer Blechdose. Ich bin draußen. Ich bin unterwegs. Ich bin selbstbestimmt.

Das Schlimmste sind nicht die Kälte oder die Dunkelheit der Radwege. Es ist die mangelnde Infrastruktur. Die Kommentare. Dieses ständige „Muss man denn …?“, als ob ich eine Ausnahme wäre. Als ob ich etwas Verbotenes täte.
Aber ich bin nicht die Ausnahme. Täglich sehe ich: Wir sind viele. Ich bin nur eine von vielen, die sich weigert, sich einreden zu lassen, dass man im Winter nicht Rad fahren darf. Dass man sich anpassen muss. Dass man sich jetzt halt ein Auto kaufen soll.
Ungemütliche Wahrheiten
Nicht jeder Tag ist gleich. Manchmal ist es hart. Wenn der Wind so stark bläst, dass ich mich frage, ob ich rückwärts fahre. Wenn meine Hände so kalt sind, dass mir die Finger gefühlt gleich abfallen.
Aber dann erinnere ich mich. An das Gefühl, wenn ich bergab sause und die Kälte mir die Tränen in die Augen treibt. An die Stille in den frühen Morgenstunden, wenn die Stadt noch mir gehört. An das Lächeln der anderen Winterradler, die mir zustimmend zunicken, als würden wir einem geheimen Club angehören.

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen man das Fahrrad stehen lassen muss, wenn man nicht die notwendige Ausrüstung hat. Hast du die falschen Reifen, den falschen Reifendruck und siehst nicht rechtzeitig, wo es glatt ist, wird es schnell gefährlich. Das ist unnötig und leichtsinnig. Radfahren im Winter ist nicht immer einfach.
„Und wenn du mich das nächste Mal siehst, wie ich im Winter in Berlin radle, dann frag nicht:
‚Muss man bei dem Wetter radeln?‘
Frag lieber: „Soll ich dir ’nen warmen Kaffee spendieren?“
Equipment Tipps
Reifen* mit Spikes
Helmmütze* oder Stirnband* gegen Kälte
Reflektierende* Elemente für gute Sichtbarkeit
Baselayer* Oberteil
Lange Fahrradunterhose*

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