Endstation Knieprobleme?
Endstation Knieprobleme?

Endstation Knieprobleme?


Was hatte ich mir für das Fahrradjahr 2023 nicht alles vorgenommen…

Nachdem ich 2022 eigene Rekorde geknackt und weit über meine Grenzen hinausgegangen bin wollte ich im kommenden Jahr neue Ziele setzen und über mich hinauswachsen.

Ich wollte ab dem Frühling häufig übers Wochenende Overnighter einplanen, Höhenmeter trainieren, meine längste Strecke toppen und einfach generell soviel Zeit wie möglich im Sattel verbringen.

Doch irgendwie kam dann alles ein bisschen anders. Schon seit dem Sommer plagten mich nach schweren Belastungen wie langen Radtouren, Treppensteigen oder tragen von schweren Sachen immer mal wieder Knieschmerzen. Diese kamen und gingen und ich dachte zunächst, dass ich durch Überlastung vielleicht eine kleine Entzündung im Knie hätte. Nicht weiter ungewöhnlich eigentlich und für mich zum damaligen Zeitpunkt kein Grund zur Sorge.

Entsprechend nahm ich dann immer etwas Belastung raus und versuchte für einige Tage es etwas ruhiger angehen zu lassen. Zwischendurch waren die Beschwerden dann wie weggeblasen und ich machte mir keine großen Sorgen mehr darum. Als ich gegen Jahresende dann immer häufiger Schmerzen hatte und diese auch wenn es keine Belastung gab auftraten machte ich mir vermehrt Gedanken, wollte aber immer noch nicht so recht wahr haben, dass etwas nicht stimmen könnte.
Ab November/ Dezember kam ich dann auf Arbeit zunehmend kaum noch die Treppenstufen hoch und die Schmerzen wurden auch im Ruhezustand immer schlimmer. Es nützte alles nichts. Ich suchte mir in der Nähe der neuen Wohnung einen Orthopäden und kam mit etwas Glück auch schnell an einen Termin. Nachdem zuerst die Diagnose Pes Anserinus Syndrom im Raum stand gab es viel Physiotherapie und viele viele Übungen, die ich täglich zuhause machte, damit schnell alles besser wird. Wenn man es nur genug will und alles dafür gibt, dann wird das schon wieder werden dachte ich mir. Leider trat aber keine Besserung ein sondern der Zustand verschlimmerte sich wöchentlich. Mein Fahrrad stand zu diesem Zeitpunkt nur noch ungenutzt in der Ecke, ich konnte vor Schmerzen einfach nicht mehr fahren.

Fahrrad fahren mit Knorpelschaden. Fahrrad im Winter auf Balkon
Das Fahrrad verbringt den Winter ungenutzt auf dem Balkon

Also ging ich wieder zum Arzt, diesmal war ein anderer vor Ort der den Verdacht Knorpelschaden in den Raum stellte. Keine Ahnung was das heißt und nun für mich bedeuten sollte. Kann ich noch Fahrrad fahren mit einem Knorpelschaden? Nachdem ein MRT seinen Verdacht bestätigte ging es wieder zur Physiotherapie, zeitgleich erklärte der Arzt aber auch, dass es nichts gibt, was einen Knorpelschaden rückgängig macht und man ihn nur im Ist-Zustand halten kann wenn alles gut läuft. Was für niederschmetternde Nachrichten das waren. Ich konnte und wollte es nicht wahrhaben. Diesen Schock musste ich erstmal verdauen. Schließlich dachte ich immer Radfahren und Gesundheit gehört einfach zusammen.
Nachdem ich die Informationen etwas sacken lassen konnte, hieß es für mich aktiv zu werden. Ich gab bei der Physiotherapie alles was ging und ließ mir sogar die umstrittenen Hyaluronsäureinjektionen geben. Für mich persönlich war das alles andere als angenehm da ich so gar kein Fan von Spritzen bin und leider war das Ganze auch kein Schnäppchen, da die Krankenkassen die Leistung in der Regel nicht übernehmen. Nichts half. Mittlerweile hatte ich auch im rechten Knie zunehmend Probleme, auch hier zum MRT, gleiche Diagnose. Immerhin war der Schaden hier noch ein Grad geringer als auf der linken Seite, ein schwacher Trost zu diesem Zeitpunkt. Viele viele Arztbesuche, Physiotherapie, sämtliche Wundermittel aus dem Internet und ein langes Oxaceprolexperiment folgten. Leider hat mir nichts davon wirklich geholfen.

Da bist du nun. Anfang 30 mit fast dauerhaften Schmerzen, eingeschränkt in deinen Hobbys, deiner Bewegung und mit der dauerhaften Angst, dass es noch schlimmer wird. Da ich nicht mehr mit dem Fahrrad fahren konnte nutzte ich vermehrt die BVG um zur Arbeit oder zu anderen Terminen zu kommen. Hier brach ich nur bei dem Anblick von Treppen in Schweiß und Panik aus. Lief ich die Treppen, hielt ich alles auf und hatte Schmerzen. Nahm ich den Fahrstuhl wurde ich oft angefeindet, weshalb ich als gesunder Mensch zu faul sei Treppen zu laufen.
Selbst wenn ein Fahrstuhl oder Rolltrepe vorhanden ist hat man in Berlin dauernd das Problem, dass die außer Betrieb sind. Weshalb man dann trotzdem die Treppe nehmen muss. Fast täglich fragte ich mich zu dieser Zeit was die Leute an diesen Bahnhöfen machen, die die Treppe wirklich gar nicht nehmen können. Aber fuhr ich mit dem Fahrrad hatte ich ebenfalls Schmerzen. Und Fahrrad fahren mit Knorpelschaden, ging das noch?

Insgesamt wurde das langsam nicht nur zu einer körperlichen, sondern vor allem zu einen psychischen Belastung. Kein Tag mehr ohne Tränen und Verzweiflung und stundenlanges recherchieren im Internet was noch helfen könnte. Früher hatte das Radfahren für mich auch einen therapeutischen Effekt, wo ich Probleme und Sorgen einfach mal wegfahren kann und den Kopf frei bekomme, aber dieser Ausgleich fehlte nun natürlich auch. Es war eine rundum belastende Zeit für mich und auch für mein engeres Umfeld was die ganzere Misere täglich mitbekam.

Dann kam so langsam der Frühling in die Hauptstadt und die Schmerzen wurden wieder weniger, ich konnte zunehmend besser wieder Treppen hoch und runter laufen. Was war passiert? Was hatte sich geändert? Ich habe bis heute keine Ahnung. Ich habe nichts geändert was ich nicht auch vorher schon versucht hätte. Aber die Schmerzen wurden zunächst erträglicher und dann hatte ich sogar an viele Tagen schmerzfreie Stunden. Nach und nach konnte ich wieder Treppen fast normal laufen oder ohne nachzudenken sogar über Kopfsteinpflaster oder unebene Wege gehen, das hatte bei mir zuvor heftige Schmerzen ausgelöst. Und irgendwann war dann auch der Tag da wo ich mich wieder aufs Fahrrad trauen wollte. Ich hatte es zwischendurch 2-3 mal versucht aber immer große Schmerzen dabei und habe es dann auch wieder sein gelassen.

Aber nach über 3 Monaten Fahrradpause habe ich mich unsicher aber vorsichtig hoffnungsvoll wieder in den Sattel geschwungen. Ich versuchte mich daran zu halten was mein Orthopäde mir geraten hatte und nicht loszurasen. Stattdessen radelte ich langsam und vor allem im flachen Gelände und generell in sehr niedrigen Gängen. Und tatsächlich – es klappte. Fahrrad fahren mit Knorpelschaden heißt auch umzudenken wie man fährt. Anfangs noch mit geringen Schmerzen, später häufig komplett schmerzfrei.
Mittlerweile fahre ich bereits seit einigen Monaten wieder täglich Fahrrad. An die größeren Touren habe ich mich bisher nicht wieder gewagt. Vor jeder Tour schaue ich auch sehr penibel wie viele Höhenmeter angezeigt werden, weil diese nach wie vor Probleme bereiten. Aber ich radel wieder und bin aktuell an vielen Tagen fast komplett schmerzfrei. Was dieses Fernbleiben von Schmerzen für einen enormen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat muss ich an dieser Stelle sicherlich nicht erklären. Da kann sich bestimmt jeder dem es schonmal schlecht ging gut hineinversetzen.

Momentan traue ich dem ganzen noch nicht komplett und habe oft Sorge, dass es sich wieder so verschlimmert wie noch im Winter. Aber ich versuche dankbar über jeden Tag und jeden kleinen Erfolg zu sein und die schmerzfreien Phasen so gut es geht zu nutzen und zu genießen. Und ich kann euch sagen auch mit Arthrose bzw. Knorpelschaden ist Fahrrad fahren möglich.

Eine der ersten kurzen Ausfahrten nach der langen Pause. Durchnässt aber glücklich.

 

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